7Die Esterweger Dose ist ein Naturschutzgebiet in den niedersächsischen Gemeinden Bockhorst und Esterwegen in der Samtgemeinde Nordhümmling im Landkreis Emsland, der Gemeinde Saterland im Landkreis Cloppenburg und den Gemeinden Rhauderfehn und Ostrhauderfehn im Landkreis Leer. Trotz des Status Naturschutzgebiet darf auf großen Teilflächen bis zum Jahr 2036 Torfabbau betrieben werden.

Das unter Naturschutz stehende Hochmoorgebiet ist der Rest eines einst riesigen Moores, das in mehrere Teilflächen untergliedert war. Zu dem rund 11.000 ha großen Gebiet, welches das größte zusammenhängende Hochmoorgebiet in Mitteleuropa war, gehörten neben der Esterweger Dose auch das etwa 1.500 ha große Ostrhauderfehner Moor, das etwa 3.800 ha große Saterländer Westermoor und das etwa 2.000 ha große Timpermoor.

Das Naturschutzgebiet steht seit dem 22. Dezember 2005 unter Naturschutz. Zuständige untere Naturschutzbehörden sind die Landkreise Emsland, Cloppenburg und Leer. Das Naturschutzgebiet ist 4.747 ha groß und damit das größte Naturschutzgebiet im ehemaligen Regierungsbezirk Weser-Ems. Von der Fläche entfallen 2.080 ha auf den Landkreis Emsland, 1.942 ha auf den Landkreis Cloppenburg und 725 ha auf den Landkreis Leer.

Der größte Teil des Naturschutzgebiet ist Bestandteil des gleichnamigen EU-Vogelschutzgebietes, knapp ein Drittel Bestandteil des ebenfalls gleichnamigen FFH-Gebietes. Das Naturschutzgebiet befindet sich südlich von Ostrhauderfehn und erstreckt sich bis zur Bundesstraße 401 am Küstenkanal. Südlich des Küstenkanals schließt sich das Naturschutzgebiet „Melmmoor/Kuhdammoor“ an. Es entwässert über Gräben im Osten zur Sagter Ems und im Westen zu Esterweger Beeke und Burlage-Langholter Tief.

Im Naturschutzgebiet finden sich neben den renaturierungsfähigen Hochmoorflächen u. a. Moorwälder, Borstgras- und Pfeifengraswiesen, Torfmoor-Schlecken, Übergangs- und Schwingrasenmoore und feuchte Hochstaudenfluren.

Die in den 1920er Jahren drohende Beseitigung des Moores in der Esterweger Dose durch die damals großflächig durchgeführten Moorkultivierungen, rief erstmals Naturschützer mit Schutzbemühungen auf den Plan. Im Jahr 1927 wurden in der Esterweger Dose zwei wasserkundliche Versuchsfelder mit einer Größe von je 100 ha eingerichtet. Ein Versuchsfeld wurde im Entwässerungsbereich und eins im unberührten Moor eingerichtet, um die Auswirkungen und Unterschiede zu dokumentieren.

1933 wurde das KZ Esterwegen eingerichtet. Das KZ Esterwegen gehörte zu den Emslandlagern, einem Gesamtkomplex von insgesamt 15 Barackenlagern. In ihnen waren bis 1945 ungefähr 10.000 KZ-Häftlinge, 66.500 deutsche Straf- und Militärstrafgefangene sowie mehr als 100.000 sowjetische und französische Kriegsgefangene sowie italienische Militärinternierte inhaftiert. Diese Häftlinge wurden überwiegend zur Entwässerung von Mooren wie der Esterweger Dose eingesetzt. Sie wurden als Moorsoldaten berühmt.

Naturschützer versuchten trotzdem, Teile der Esterweger Dose unter Naturschutz stellen zu lassen. Dies wurde vom Regierungspräsidenten in Osnabrück und vom preußischen bzw. Reichslandwirtschaftsministerium strikt abgelehnt. Am 12. Oktober 1935 schrieb der Regierungspräsident: „Jetzt muss aber endgültig Schluß gemacht werden mit den Fordernissen dieser seltenen Herren vom Naturschutz.“ Ferner: „Bei der zwingenden Notwendigkeit, die Ernährungsbasis für das deutsche Volk sicherzustellen, kann hierbei m. E. unmöglich auf 12 Goldregenpfeiferpärchen Rücksicht genommen werden.“ Er erklärte weiter: „Zudem besteht die Verpflichtung gegenüber der Verwaltung des Konzentrationslagers […], die Häftlinge nutzbringend zu beschäftigen.“ Der Direktor der Reichsstelle für Naturschutz, Walther Schoenichen, nahm trotzdem direkten Kontakt zum für Naturschutz zuständigen Hermann Göring auf. Am 19. Juni 1937 wurde schließlich das wasserkundliche Versuchsfeld mit dem unberührten Moor in der Esterweger Dose mit 100 ha Größe als Naturschutzgebiet ausgewiesen. 1941 verfügte Adolf Hitler den Stopp aller Kultivierungsarbeiten in deutschen Mooren, da gerade große Gebiete in der Sowjetunion erobert worden waren und man mit der Eroberung der ganzen Sowjetunion rechnete. Hitler erklärte auch, dass „das Klima ebenso wie durch Wälder auch durch die Moore günstig beeinflußt und dass die völlige Beseitigung der Moore unabsehbare klimatische Folgen haben würde.“

1950 beschloss der Bundestag den Emslandplan mit dem Ziel, die Region auf den wirtschaftlichen Standard der Bundesrepublik zu heben. Damit wurden große Fördermittel zur Moorkultivierung bereitgestellt. 1951 forderte die zur Umsetzung des Emslandplans gegründete Emslandplan GmbH die gesamte Esterweger Dose einschließlich des Naturschutzgebietes abzutorfen. Die Arbeitsgemeinschaft der Beauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege (ABN) hielt deshalb 1951 ihre Jahrestagung in Oldenburg ab. Eine Exkursion der Tagung führte zum Naturschutzgebiet in der Esterweger Dose, um für den Schutz der Moore zu werben. Der damalige Regierungspräsident in Osnabrück erklärte die 1937 erfolgte Ausweisung des Naturschutzgebietes Esterweger Dose sei „gefühlbetont, wie unsinnig“ gewesen. Um die Zerstörung des Naturschutzgebietes zu verhindern, stellte der Direktor der Bundesanstalt für Naturschutz und Landschaftspflege, Gerd Kragh, privat 1958 eine Strafanzeige. Hinrich Wilhelm Kopf, Innenminister in Niedersachsen, schrieb Kragh: „Ich glaube, daß auch die Esterweger Dose in den Bereich der Verluste gehört, die wir trotz allem Bedauerns nun einmal zwangsläufig hinnehmen müssen.“ Am 29. Januar 1959 wurde das Naturschutzgebiet Esterweger Dose aufgehoben.

1959 wurde der Torfabbau in der gesamten Esterweger Dose genehmigt. 1975 schlugen der Landkreis Cloppenburg und die Emslandplan GmbH vor, etwa 100 ha noch intaktes Moor wieder als Naturschutzgebiet auszuweisen. Das Land als Grundeigentümer und die Torfindustrie lehnten dies ab und verhinderten eine Ausweisung. Die Moorkultivierung wurden ab 1976 durch das Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAKG) gefördert.

1981 verkündete die Landesregierung ein Moorschutzprogramm, das insbesondere den weiteren Torfabbau regelte. Der Naturschutz forderte nun einen mindestens 5.000 ha großen, ehemaligen Hochmoorbereich als Naturschutzgebiet auszuweisen. Die letzten intakten Moorbereiche der Esterweger Dose wurden ab 1983 abgetorft. 1994 legte das Landesraumordnungsprogramm fest, dass die Esterweger Dose ein Vorranggebiet für Natur und Landschaft ist. Nach Beendigung des Torfabbaus sollten keine anderen Nutzungen erfolgen. Mit Beginn der 1990er Jahre hatten im abgetorften Bereichen erste Wiedervernässungen durch Schließungen der Entwässerungsgräben begonnen.

Große Teile des Moores werden noch heute für den Torfabbau genutzt. Dabei muss aber eine 50 cm dicke Schicht Schwarztorf erhalten bleiben. Nach dem Ende der Nutzungsdauer, beginnend mit dem Ende des Jahres 2025, werden die dann aufgegebenen Torfabbaugebiete renaturiert. Ende 2030 werden auch zwei und Ende 2036 eine dritte Torfverladestation am Küstenkanal aufgegeben. Im Süden und Norden des Naturschutzgebietes wurde mit der Wiedervernässung bereits begonnen. Teile des Naturschutzgebietes werden auch forst- und landwirtschaftlich genutzt.

Der Goldregenpfeifer hat sein letztes verbliebenes Brutgebiet in Mitteleuropa in der Esterweger Dose

In der Esterweger Dose findet sich das letzte Brutvorkommen des Goldregenpfeifers in Mitteleuropa. Diese Vögel sind gleichzeitig die letzten Vögel der Unterart apricaria, auch Südlicher Goldregenpfeifer genannt, welche früher im Norden in Mitteleuropa weit verbreitet in Moorgebieten war. 2003 gab es noch zwölf Brutpaaren, bis 2011 ging dieser Bestand auf sieben Brutpaare zurück.[4] Die wenigen Nester werden jedes Jahr rund um die Uhr überwacht. Zur Überwachung setzt man Temperaturfühler ein und hat die direkte Umgebung der Nester mit Elektrozäunen gesichert, um Beutegreifer wie den Rotfuchs fernzuhalten. Als Lebensraum braucht der Goldregenpfeifer Hochmoore mit niedrigem Bewuchs.

Weitere seltene Arten in der Esterweger Dose sind Rotschenkel, Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Kranich, Große Moosjungfer und Sonnentau.

Im Süden des Naturschutzgebietes befindet sich ein Moorlehrpfad, im Norden können mit dem „Seelter Foonkieker“, einer umgebauten Lorenbahn, Erlebnisfahren in das Westermoor unternommen werden. Rund um das Naturschutzgebiet und die angrenzenden Ortschaften verläuft der rund 100 km lange Fahrradrundkurs „Moorerlebnisroute“.

Informationen:
Gemeinde Saterland
Hauptstr. 507
26683 Saterland
Telefon 04498-9400
www.saterland.de


IG Moorerlebnisroute e.V.
1. Südwieke 2a
26817 Rhauderfehn
Telefon 04952-903230
www.moorerlebnisroute.de